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Die älteste Kurgästin am Bodensee?

› Marlis Otto kommt jedes Jahr auf die METTNAU

› Die 100-Jährige sprudelt nur so vor Geschichten

Radolfzell, Mai 2026

Zielstrebig steuert die zierliche Frau auf einen freien Tisch im Radolfzeller Strandcafé zu. Marlis Otto beginnt zu erzählen, von ihrer Kindheit in Wuppertal, wie sie als Funkerin das Kriegsende erlebte und später mit ihrem Ehemann eine neue Heimat im hessischen Neu-Isenburg fand. Sie nennt Namen, und Jahreszahlen, als sei es erst gestern gewesen, dabei sind viele der Geschichten fast ein ganzes Jahrhundert her. Ihre Augen sind wach, funkeln, ihre Gesten voller Lebendigkeit.

Ihr Leben ist ebenso gewöhnlich wie ungewöhnlich. Sie bekam zwei Söhne, war zehn Jahre lang Mutter und Hausfrau. Als die Söhne größer waren, studierte sie Erziehungswissenschaften und begann mit 40 an einer Frankfurter Grundschule zu unterrichten. Noch heute wird sie von den Ehemaligen zu den Klassentreffen eingeladen. Immer wieder tauchen Berichte über sie in der Presse auf. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren gemeinnützigen Verein, den sie in Neu-Isenburg gegründet hatte.

Damals war sie bereits 65. „Ich erkannte den großen Bedarf an qualifizierter und zuverlässiger Tagespflege für die Kinder, damit auch Frauen einem Beruf nachgehen können.“ Die ebenso waghalsige wie auch verrückte Idee setzte die taffe Frau in die Tat um. „Also kündigte ich meine Lebensversicherung, nahm einen Teil davon als Startkapital und richtete auf nur elf Quadratmetern ein Büro ein“, erzählt sie. Bis zu ihrem 85. Lebensjahr leitete sie die Geschäfte selbst, danach legte sie ihre Aufgaben in die Hände ihrer Nachfolgerin.

Nicht ohne Stolz berichtet sie, dass sie 2007 für ihr ehrenamtliches und soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet wurde. Für die „Bibliothek der Generationen“ schrieb sie ihre Lebensgeschichte auf. Einen Tag nach ihrem 100. Geburtstag hielt sie im Historischen Museum Frankfurt eine Lesung. „Ich hatte mit vielleicht 20 Zuhörern gerechnet – gekommen waren 130“, erzählt sie lachend.

Sport und Bewegung spielten immer eine große Rolle in ihrem Leben. Als junges Mädchen war sie im Turnverein und richtig gut. „So gut, dass ich 1951 zu den ersten vier Lehrgängen für die Olympischen Spiele in Helsinki eingeladen wurde.“ Als sie Anfang der 60er-Jahre plötzlich unter starken Rückenschmerzen litt, riet ihr ein Orthopäde zu einer Kur auf der Radolfzeller Halbinsel Mettnau. „Der Standard der Unterkunft ähnelte damals eher dem einer Jugendherberge“, sagt sie schmunzelnd. „Das ist mit der heutigen Mettnau-Kur überhaupt nicht vergleichbar. Aber die vier Wochen Aufenthalt haben gutgetan und ich kam immer wieder, um aufzutanken.“

Die damals noch vom Chefarzt angeleitete Frühgymnastik gehört bis heute zu ihrem Morgenritual, so wie eine Sporteinheit auf dem Trampolin. Sie liebt auch das Rudern auf dem Bodensee, das Fahrradfahren wie auch das Autofahren. Bis vorletztes Jahr reiste sie selbst mit ihrem Auto in Radolfzell an. Das war problemlos, denn schließlich hatte ihr, als sie 92 Jahre alt war, ein freiwilliger Fahrtest beim ADAC ihre Fahrtüchtigkeit bestätigt. Darüber hatte die- Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Artikel veröffentlicht, der hohe Wellen schlug und andere Senioren zu einem solchen freiwilligen Test motivierte. Seit zwei Jahren bringt ihr Sohn sie nach Radolfzell – weil er es so möchte, nicht, weil sie es sich nicht mehr zutrauen würde, erzählt Marlis Otto.

„Auf meinem Therapieplan stehen manchmal bis zu fünf Termine pro Tag“, verrät sie. Beim Sportprogramm könne sie noch mithalten. Gut gefallen ihr vor allem die Kontakte auf der Mettnau, die sie sehr bereichern. Sie holt ihr Handy aus der Handtasche, scrollt durch die Fotogalerie und zeigt Fotos von ihren Tischnachbarn.

Die Zeit verfliegt, Geschichten gäbe es noch zur Genüge. Beim Abschied bittet sie um das Foto, das von ihr und der Reporterin entstanden ist – am besten per WhatsApp, das sei ja so praktisch.

Zur Person:

Marlis Otto, geboren 1926, aufgewachsen in Wuppertal, war im Krieg als Funkerin in den Niederlanden eingesetzt. 1954 heiratete sie ihren 17 Jahre älteren Mann Albert. Das Paar fand eine neue Heimat im hessischen Neu-Isenburg und bekam zwei Söhne. 1991 gründete sie die Tagesmütterzentrale in Neu-Isenburg, die sie bis zu ihrem 85. Lebensjahr ehrenamtlich leitete. (sk)

 Sie kommt seit 60 Jahren an den Bodensee und macht noch immer die Frühgymnastik des früheren Chefarztes der Mettnau

Marlis Otto aus Neu-Isenburg bei Frankfurt. (FOTO: Reimer)

Marlis Otto war früher eine sehr gute Turnerin. (FOTO: Marlisotto)